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Zwangsstörung – kleiner Tick oder psychische Erkrankung?

Zwangsstörungen gehören zu den vierthäufigsten psychischen Erkrankungen. Oft bleiben sie unentdeckt, da doch jeder so ein paar kleine Ticks hat, oder?

Zwangsstörungen – was steckt dahinter?

Akribische Ordnung auf dem Schreibtisch? Angst vor Bakterien in öffentlichen Räumen? Auf keinen Fall auf Ritzen zwischen den Bodenplatten treten? Sind das ganz „normale“ Vorsichts- und Verhaltensweisen oder verbirgt sich eine Zwangsstörung dahinter?

Was sind Zwangsstörungen?

Putzfimmel, Waschzwang oder nur der berechtigte Versuch, mit Ritualen Ordnung in das Alltagsleben zu bringen? Diese Frage lässt sich nicht einfach beantworten. Viele Menschen haben Angewohnheiten und üben Handlungen aus, die für andere auf den ersten Blick unverständlich oder überflüssig erscheinen. Doch den Handelnden geben sie Struktur und Sicherheit. Kleine Kinder zum Beispiel brauchen einen festen Tagesablauf und Rituale, um sich so Stück für Stück die zunächst für sie fremde Umwelt anzueignen.

Vorsicht ist hingegen geboten, wenn die harmlosen Ticks und Marotten übermächtig werden und die dahinterliegenden Beweggründe sowie die Bewältigungsstrategien ein „normales“ Alltagsleben verhindern. Dann sprechen Fachleute von Zwangsstörungen. Dabei treten Zwangsgedanken und Zwangshandlungen als hauptsächliche Symptome auf.

Zwangsgedanken

Meist kreisen sie um Themen wie Ordnung, Sauberkeit und Kontrolle. Fast immer sind die Gedanken beängstigend und verpönt. Sie laufen quasi in Endlosschleife im Kopf ab. Häufig fürchten sich Betroffene dabei vor Krankheiten, Unfällen oder Katastrophen. Zentral ist, dass diese Gedanken als unsinnig erkannt werden, sie aber nicht unterdrückt werden können. Versuche, mit rationalen Argumenten dagegen anzugehen, sind aussichtslos. Häufig werden die Zwangsgedanken dadurch nur noch verstärkt.

Vermeidungsstrategien

Eine scheinbare Möglichkeit, die Gedanken in den Griff zu bekommen, ist das Vermeiden der angstauslösenden Situation oder aber der Versuch, vorbeugende Maßnahmen zu treffen. So werden zum Beispiel vor Verlassen der Wohnung sämtliche elektrische Geräte mehrfach in einer ganz bestimmten Reihenfolge überprüft und alle Stecker gezogen.

Solche zwanghaften Handlungen empfinden die meisten Betroffenen als unangenehm und quälend. Oftmals lösen sie – vor allem wenn sie sexuellen oder aggressiven Inhalt haben – Schamgefühle aus und werden deshalb vor der Umwelt verheimlicht. Dennoch unterwirft man sich ihnen, um sich so gegen ein mögliches, objektiv aber eher unwahrscheinliches Ereignis, das einem selbst oder anderen schaden könnte, abzusichern. Auch hier ist zentral, dass die Betroffenen wissen, dass ihr Verhalten sinnlos ist. Sie schaffen es aber nicht, gegen den Zwang anzugehen. Im Gegenteil, der Versuch, dies zu tun, löst meist Angst aus.

Warum entstehen Zwangsstörungen?

Das ist noch nicht eindeutig geklärt. Die ersten Symptome treten häufig bereits im Kindes- und Jugendalter auf. Eine Erkrankung nach dem 40. Lebensjahr ist selten. In der Regel kommen mehrere Komponenten zusammen. Zwänge können generell als Reaktionen auf bewusste oder unbewusste Ängste, wie zum Beispiel unerträgliche Verlustängste oder Ängste vor Schuldgefühlen, verstanden werden.

Mögliche Risikofaktoren sind:

Vererbung

Verschiedene Studien haben ein gehäuftes Auftreten von Zwangs- und Angsterkrankungen im familiären Umfeld von Betroffenen gefunden. Wenn ein oder beide Elternteile an einer Zwangsstörung leiden, besteht ein erhöhtes Risiko für die Kinder. Unklar ist aber, ob dies auf eine genetische Disposition zurückzuführen ist. Wahrscheinlich ist als genetischer Faktor eher eine allgemein erhöhte Angstbereitschaft zu sehen. Bezüglich der Zwangssymptome selbst, spielen die Identifikation von Kindern mit ihren Eltern sowie natürlich auch die jeweilige Persönlichkeit eine wichtige Rolle.

Neurobiologische Faktoren

Einige Untersuchungen sprechen dafür, dass es bei Zwangsstörungen Veränderungen des Hirnstoffwechsels und der Hirnaktivität in bestimmten Arealen gibt. Geklärt ist dabei noch nicht, ob diese die Zwangsstörungen hervorrufen oder nur eine Begleiterscheinung sind. Belegt ist aber, dass die Auffälligkeiten zurückgehen, sobald die Zwangsstörungen erfolgreich therapiert wurden.

Erziehung

Bestimmte Erziehungsstile können dazu beitragen, dass sich Zwangsstörungen entwickeln, zum Beispiel Leistungsdruck. Kinder werden verunsichert, wenn Eltern schon früh hohe Erwartungen an sie stellen und bereits bei kleinsten Fehlern mit übertriebener Kritik reagieren. Schüchterne, ängstliche Kinder versuchen dann, durch Perfektionismus Fehler und Kritik zu vermeiden. Auch ein übermäßig beschützender Erziehungsstil, wie ihn Helikopter-Eltern praktizieren, kann Zwangsstörungen fördern.

Extreme Erlebnisse

Der Tod eines geliebten Menschen, ein Unfall, körperliche oder sexuelle Gewalt können besonders sensible Menschen überfordern. Sie haben das Gefühl, die Kontrolle über sich zu verlieren. Durch Zwangshandlungen versuchen sie, wieder Struktur und Ordnung in ihr Leben zu bringen.

Wie können Zwangsstörungen behandelt werden?

In der psychoanalytischen und tiefenpsychologischen Therapie gibt es eine differenzierte und lange Theoriebildung zur Behandlung von Zwangsstörungen, aber bisher keine empirisch belegten Zahlen. Empirisch bewertet ist vor allem die kognitive Verhaltenstherapie. Eine kognitive Verhaltenstherapie lindert die Symptome und verbessert so die Lebensqualität der Betroffenen. Dabei werden die Patienten u. a. in ihrem Alltag unter Begleitung des Therapeuten mit den zwangsauslösenden Situationen konfrontiert. Sie lernen so, dass ihre Befürchtungen nicht eintreten und können dadurch schrittweise die Situation und die zwanghaften Gedanken bewältigen. In einigen Fällen wird die Behandlung durch eine medikamentöse Therapie mit Antidepressiva ergänzt. Die psychoanalytischen und tiefenpsychologischen Therapien setzen daran an, die bewussten und unbewussten Ängste, die eine Person versucht, mit Hilfe der Zwangssymptome zu kontrollieren, zu identifizieren und andere Bewältigungsmöglichkeiten zu finden.

„Durchschnittlich vergehen sechs bis sieben Jahre, bis sich Betroffene Hilfe holen“



Wann wird ein kleiner Tick zwanghaft? Wie können wir uns oder Betroffenen in unserem Umfeld helfen? bleibgesund.de hat mit der Psychologin Annabelle Starck vom Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt über Zwangserkrankungen gesprochen.

Annabelle Starck
Foto: privat

Nur eine kleine individuelle Marotte oder doch eine ernstzunehmende psychische Erkrankung? Wann sollen Betroffene professionelle Hilfe einholen?

Annabelle Starck: „Einzelne umschriebene Symptome, die zum Beispiel in Zeiten besonderer beruflicher oder privater Belastungen auftauchen, sind erst einmal kein Grund zur Sorge. Bedenklich wird es aber dann, wenn sich eine Eigengesetzlichkeit unabhängig vom Anlass entwickelt. Das bedeutet, wenn die Zwangsgedanken oder -handlungen immer als Mechanismus eingesetzt werden, um sich dadurch von Ängsten zu entlasten. Je früher ein Betroffener Hilfe sucht, desto besser. Erste Anlaufstellen sind zum Beispiel psychologische Ambulanzen. Hier kann in einem Gespräch geklärt werden, ob tatsächlich Handlungsbedarf besteht und welche weiteren Schritte unternommen werden sollten. Betroffene mit einer Zwangserkrankung können sich aber auch direkt an das Sigmund-Freud-Institut wenden, da wir derzeit eine entsprechende Studie durchführen.“

Warum wird die Erkrankung häufig erst so spät erkannt?

Annabelle Starck: „Geregeltes, strukturiertes Handeln und ein gewisser Perfektionismus sind gesellschaftlich anerkannt, ja vielfach sogar erwünscht. Häufig ist den Patienten gar nicht bewusst, wann ihr Verhalten zwanghaft wird. Zwischen der Erkenntnis „Hier stimmt mit mir etwas nicht“ und der Suche nach professioneller Hilfe vergehen durchschnittlich sechs bis sieben Jahre. Der Grund hierfür ist Scham. Die Betroffenen schämen sich für ihre oft sexuellen, aggressiven Gedanken und die daraus resultierenden Zwangshandlungen. Sie erkennen zudem, dass das, was sie tun, nicht unbedingt in sinnvollem Zusammenhang steht mit dem, was verhindert werden soll, oder schätzen ihre Handlung als übertrieben ein. Dies führt oft zu Ängsten, als verrückt zu gelten.

Wie können Angehörige helfen?

Annabelle Starck: „Verständnis hilft – auch wenn es schwer ist. Angehörige sollten versuchen, sich klar zu machen, dass es den Betroffenen nicht möglich ist, anders zu handeln. Im gemeinsamen Alltag gilt es, für sich eine Balance zu finden – einerseits sollten Angehörige versuchen, nicht von außen gegen die Zwangshandlungen anzukämpfen, andererseits sich ihnen auch nicht vollkommen unterzuordnen. Angehörige können stattdessen versuchen, Lebensbereiche zu fördern, die nicht von der Zwangserkrankung betroffen sind.“