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Schluss mit Privilegien: Homeoffice für alle!

Es war Mitte März 2020, da wurde Arbeiten in Deutschland plötzlich anders. Die Ansagen kamen aus den Personaletagen und lauteten alle sinngemäß: Bitte – soweit möglich – ab sofort zu Hause arbeiten. Seitdem ist nichts mehr so, wie es mal war in Deutschlands Büros, denn fast alle sind im Homeoffice.

Homeoffice ist und bleibt Arbeitsalltag

Mobiles Arbeiten oder Homeoffice, das war bis dahin eine Randerscheinung. Laut Bundesarbeitsministerium haben zuletzt rund zwölf Prozent der Beschäftigten ganz oder an einzelnen Tagen von zu Hause gearbeitet. Aktuell sind es laut einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) 35 Prozent. Professor Jutta Rump, Wirtschaftsforscherin an der Ludwigshafener Hochschule schätzt: „Eine Rückkehr in die alte Welt der Präsenzkultur ist eher unwahrscheinlich, wir werden mehr und mehr in Mischformen arbeiten.“

So geht es uns Zuhause

Wir haben bei Kolleginnen und Kollegen nachgefragt, wie es ihnen zurzeit geht. Finden sie Homeoffice gut oder wären sie doch lieber vor Ort in der Firma? Das Ergebnis ist vielschichtig. Die meisten kommen mit der neuen Arbeitssituation klar und glauben, die Vorteile überwiegen. Aber es gibt auch Hürden und Unwägbarkeiten.

Homeoffice ja, aber …

Homeschooling und die Schließung von Kitas sorgen in Familien mit Kindern für Zündstoff. Aber ohne Homeoffice wäre keine Kinderbetreuung möglich. Da beißt sich die Katze in den Schwanz – zumindest in Corona-Zeiten.

Außerdem kommt es auf die Art der Tätigkeit an – und auf den Typus Mensch, der sie ausübt. Vor allem Teamplayern fehlt, je länger das Social-Distancing andauert, die unbelastete Nähe zu den Kollegen, das gewohnte soziale und nichtdigitale Umfeld. Viele verbrachten bislang mehr Zeit mit Kollegen im Büro als mit der Familie oder dem Partner zu Hause. Das ist eine Umstellung.

Und Homeoffice muss man auch erst mal lernen. Disziplin ist gefragt, sowohl beim Arbeiten als auch beim Einhalten von Pausen und Feierabend machen.

Homeoffice ist reiner Luxus

Positiv stehen vor allem diejenigen dem Homeoffice gegenüber, die lange Anfahrtswege haben. Verbringt jemand normalerweise zwei Stunden und mehr am Tag auf Schienen oder Autobahn, dann empfindet er die jetzige Situation als traumhaft. Das ist ein Gewinn an Lebenszeit, den man monetär gar nicht aufwiegen kann.

Das selbstbestimmte Arbeiten von zu Hause macht eine individuellere Tagesplanung möglich. Wer morgens schlecht aus dem Bett kommt, der kann jetzt etwas länger liegen bleiben. Wer erst gegen Abend kreativ wird, kann seine Aufgaben dann erledigen. Auch Arztbesuche, Behördengänge, Handwerker und Paketannahmen bringen den Tagesablauf nicht mehr durcheinander, sondern können einfach zwischengeschoben werden.

Eines eint beide Parteien, Befürworter und Kritiker: Ausschließlich mobil arbeiten möchten die wenigsten. Eine Mischung aus beidem, ohne Zwang, das fänden die meisten super. Hier ein paar O-Töne:

Das sind Vorteile

  1. Schutz für die Personen, mit denen man Kontakt hat, #flattenthecurve.“
  2. „Ich kann ein bisschen länger schlafen und starte entspannt in den (Arbeits-)tag.“
  3. „Die Umwelt wird geschützt.“
  4. „Ich spare mir den Weg zum Job, also über 1,5 Stunden täglich im ÖPNV, gerade aktuell eine große Erleichterung.“
  5. „Da die Kunden aktuell auch im Homeoffice sind, findet der Austausch eher gebündelt per Mail statt als in teils mehreren Telefonaten. Das ist fast strukturierter als sonst manchmal.“
  6. „Ich bin entspannter, weil ich auch mal zwischendrin die Waschmaschine oder Spülmaschine anstellen kann – und diese Tätigkeiten dann nicht alle in der Freizeit auflaufen. Erledigungen wie Pakete annehmen oder wegbringen, Handwerker, kochen etc. lassen sich einfacher in den Tagesablauf integrieren.“
  7. „Ich muss mehr improvisieren und lerne dadurch.“

Das sind Nachteile

  1. Zu Hause habe ich keinen Arbeitsplatz und auch keinen Platz, einen zu installieren. Das bedeutet nach einiger Zeit Rückenschmerzen, weil man falsch sitzt.“
  2. „Der Austausch mit den Kollegen fehlt – schnell mal Ideen über den Tisch klären, Input einholen zu Layouts, Umsetzungsideen etc. Manchmal hat man das Gefühl, einsam auf der Scholle zu sitzen.“
  3. „Die Flexibilität ist auch ein Nachteil: Die Arbeitszeiterfassung wird nicht sichtbar, und ich habe das Gefühl, jetzt 24-Stunden am Tag im Dienst des Arbeitgebers zu stehen.“
  4. „Man ist gefühlt ständig erreichbar und erwartet dies auch von anderen. Man ist ständig getrieben, schaltet nicht richtig ab, nimmt sich keine Pause oder genießt diese nicht so.“
  5. „Manche Besprechungen und Abstimmungen sind vor Ort dann doch einfacher als per Videocall. Tücken der Technik entpuppen sich als echte Zeitfresser, wenn die erste Viertelstunde eines Termins dafür draufgeht, dass sich alle erfolgreich eingewählt haben, zu sehen und zu hören sind.“
  6. „Ich muss mehr Energie aufbringen, um meinem Tag eine Struktur zu geben, z. B. habe ich am Anfang „ungeduscht“ gearbeitet.“
  7. „Irgendwann kann man die eigene Wohnung nicht mehr sehen.“

Corona ist Rückenwind für virtuelle Zusammenarbeit

Das Institut für Beschäftigung und Employability IBE hat zwischen dem 23. und 30. März 2020 eine Untersuchung zur Corona-Krise und deren personalwirtschaftlichen und organisatorischen Konsequenzen durchgeführt. An der Befragung haben sich 400 Personen beteiligt, darunter Geschäftsleitungen, Führungskräfte, Personalfachleute sowie Betriebs- und Personalräte.

Die Befragung „Personalpolitik in der Corona-Krise“ zeige eindrücklich, dass viele der Befragten in dieser Krise auch Chancen sehen. Corona beflügelt virtuelle Zusammenarbeit, mobile Arbeit, agile Organisationsformen und New Work. Dort wo die finanziellen Mittel zur Verfügung stehen, werde die Digitalisierung schneller und konsequenter umgesetzt. Vieles, was zuvor „auf die lange Bank geschoben wurde“, wird nun innerhalb kurzer Zeit umgesetzt, auch wenn es zuweilen noch nach dem Prinzip des „Trial and Error“ abläuft. Wie in jeder Krise rücken die Menschen zusammen. Das Gefühl von „wir sitzen alle im selben Boot“ und der gemeinsamen Arbeit für das Unternehmen wurde lange nicht mehr so deutlich wie in diesen Zeiten.

Kommt ein Recht auf Homeoffice?

Mann arbeitet entspannt im Homeoffice
Quelle: istockphoto.com | pixelfit

Das könnte im Herbst tatsächlich der Fall sein. Arbeitsminister Hubert Heil bereitet einen entsprechenden Gesetzesentwurf vor. Man wolle die positiven Erfahrungen aus der Pandemie nutzen und Arbeitnehmern ermöglichen, entweder ganz oder für ein, zwei Tage in der Woche zu Hause zu arbeiten. Einen Zwang soll es nicht geben. Auch nicht jeder könne aufgrund seines Jobs im Homeoffice arbeiten: „Man kann die Brötchen als Bäcker ja nicht von zuhause aus backen“, erklärte Heil gegenüber dem Tagesspiegel. Ein Recht auf mobiles Arbeiten und Homeoffice, wo es möglich ist, verhindere eine Zwei-Klassen-Gesellschaft und sorge für faire Regeln, so das Fazit eines SPD-Workshops. Wichtig: Auch im Homeoffice solle die Arbeitszeit vollständig erfasst werden und das Recht auf Nicht-Erreichbarkeit sichergestellt sein.


Kannst du dir vorstellen, auch in Zukunft regelmäßig im Homeoffice zu arbeiten?

Und was sagen die Chefs?

Eine gesetzliche Verankerung mit Recht auf mobiles Arbeiten, wie es die SPD plant, sehen viele als Eingriff in die unternehmerische Freiheit. Aber freiwillig ist man durchaus bereit, aus Corona zu lernen. So möchte die Post, dass auch in Zukunft ein Teil der Angestellten von zu Hause arbeitet. Die französische Opel-Mutter PSA plant, das Homeoffice für alle Bereiche außer der Produktion zum Regelarbeitsplatz zu machen. Twitter verkündet sogar: „Wir bleiben auch nach Corona mobil!“ Bei Procter & Gamble teilte man den Mitarbeitern, die mobil arbeiten können, mit: Bleibt zuhause bis es eine Impfung gibt, wir wünschen schon mal „Frohe Weihnachten“.

Aber warum war es bislang so schwierig, als Arbeitnehmer mobil zu arbeiten? Das liegt wohl auch an der deutschen Mentalität. Eine Umfrage des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zeigt: Deutsche Chefs haben gern die Kontrolle und die glauben sie, vor Ort eher zu haben als im Homeoffice. Hierzulande gilt derjenige als fleißig, der viel Zeit im Büro verbringt und mit Präsenz glänzt. Wer seltener im Büro ist, wird weniger wahrgenommen.

Für mobiles Arbeiten müssen klare Regeln her

Gewerkschaften begrüßen eine Ausweitung der mobilen Arbeit, fordern aber eine klare Regelung mit Tarif und Mitbestimmung im Interesse der Beschäftigten. Um diese in der betrieblichen Praxis realisieren zu können, fordern der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und seine Mitgliedsgewerkschaften einen gesetzlichen Gestaltungsrahmen für selbstbestimmtes mobiles Arbeiten – inklusive Homeoffice.

Das fordern die Gewerkschaften

  • Arbeitszeiterfassung
  • Einhaltung der Arbeitszeitgrenzen
  • Stärkung der Nichterreichbarkeit
  • Arbeits- und Gesundheitsschutz
  • Leistungspolitik, Arbeitsorganisation und Mitbestimmung
  • Datenschutz

Homeoffice ist ein gesundheitlicher Spagat

Homeoffice: Frau bei Videokonferenz von zu Hause.
Quelle: istockphoto.com | filadendron

Eine aktuelle Befragung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) zeigt, dass zu den großen Vorteilen von Homeoffice zählt, Arbeit selbstständiger planen zu können und mehr Entscheidungsfreiheit sowie Mitspracherechte zu haben. Wichtig sei, die Arbeitsbedingungen gesundheitsförderlich zu gestalten, sagt Helmut Schröder, stellvertretender Geschäftsführer des WIdO. Für die Studie wurden 2019 etwa 2.000 Beschäftigte zwischen 16 und 65 Jahren befragt.

Psychisch stärker belastet

Menschen, die im Homeoffice arbeiten, haben stärkere psychische Belastungen. Das zeigt sich mit Erschöpfung, Verspannungen, Konzentrationsproblemen, Schlafstörungen. „Im Homeoffice verschwimmt die Grenze zwischen Job und Privatleben stärker. Damit wächst das Risiko, dass Erholungsphasen schrumpfen“, gibt Schröder zu bedenken. So verlegt laut der Befragung jeder Dritte mit Homeoffice häufig Arbeitszeit auf den Abend oder das Wochenende.

Weniger krank im Homeoffice

Trotz der höheren psychischen Belastung haben Beschäftigte im Homeoffice geringere Fehlzeiten (7,7 Tage) als solche, die nur am Unternehmenssitz tätig sind (11,9 Tage). „Im Homeoffice lassen sich die Arbeitszeiten passgenauer einteilen. Unter Umständen arbeiten die Menschen im Krankheitsfall weniger und holen die verlorene Arbeitszeit dann nach,“ erläutert Helmut Schröder.

Man muss auch abschalten können

Fast ein Fünftel der betroffenen Befragten berichtet über Probleme mit der Vereinbarkeit von Arbeitszeit und Freizeit oder über Anrufe bzw. E-Mails des Arbeitgebers außerhalb ihrer Arbeitszeiten. „Da die digitalen Techniken rund um die Uhr zur Verfügung stehen, braucht es beispielsweise mehr Selbstdisziplin des Einzelnen, sie auch mal auszuschalten“, kommentiert Professor Antje Ducki von der Beuth Hochschule für Technik.

Arbeitsrechtliche Grundlagen: Was ist was?

Telearbeit, Homeoffice, Heimarbeit und mobiles Arbeiten – alles dasselbe? Keineswegs. Zur klaren Abgrenzung hat der Ausschuss für Arbeitsstätten (ASTA) beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) Definitionen erarbeitet.

Telearbeit

Die Telearbeit ist in der Arbeitsstättenverordnung Paragraf 2, Absatz 7 gut beschrieben: „Telearbeitsplätze sind vom Arbeitgeber fest eingerichtete Bildschirmarbeitsplätze im Privatbereich der Beschäftigten, für die der Arbeitgeber eine mit den Beschäftigten vereinbarte wöchentliche Arbeitszeit und die Dauer der Einrichtung festgelegt hat.“

Mobiles Arbeiten

Mobiles Arbeiten sucht man in der Arbeitsstättenverordnung vergeblich. Das liegt an seiner flexiblen Form: nicht orts- und nicht zeitgebunden. Der Ausschuss für Arbeitsstätten bezeichnet mobiles Arbeiten als „sporadische, nicht einen ganzen Arbeitstag umfassende Arbeit mit einem PC oder einem tragbaren Bildschirmgerät (zum Beispiel Laptop, Tablet) im Wohnbereich des Beschäftigten oder das Arbeiten mit Laptop im Zug oder an einem auswärtigen Ort“.

Heimarbeit

Heimarbeit unterliegt dem Heimarbeitsgesetz, das ist ein deutsches Bundesgesetz. Es regelt die Entlohnung. Heimarbeiter werden in der Regel nicht nach Zeit, sondern nach gefertigten Stücken bezahlt. Hinzu kommen Sonderzahlungen, alles auf Basis von Mindestlöhnen. Heimarbeiter haben auch eine soziale Absicherung, die bei Krankheit, Kurzarbeit, Kündigung und Insolvenz in Kraft tritt. Heimarbeit hat nichts mit Telearbeit oder mobilem Arbeiten zu tun.

Homeoffice

Homeoffice ist von seiner Bedeutung her keineswegs nur der englische Begriff für Heimarbeit. Homeoffice ist auch nicht mobiles Arbeiten, weil es nicht ortsunabhängig, sondern im Zuhause des Arbeitnehmers stattfindet. Der Begriff Homeoffice wird meist im Sinn von Telearbeit verwendet.

Das ist derzeit erlaubt

Zurzeit ist alles eine Frage des individuellen Verhandlungsgeschicks. In vielen Firmen darf man in gewissem Umfang von Zuhause arbeiten, aber leider auch nicht jeder, der möchte. Es gibt Betriebsvereinbarungen, die gelegentliches mobiles Arbeiten erlauben. Und gelegentlich bedeutet nicht regelmäßig, es sei denn, man hat eine Sondervereinbarung. Also alles sehr individuell und eher ungerecht, wie es mancher Arbeitnehmer empfindet, der es nicht darf. Beim expliziten Homeoffice gibt es für Betroffene meist eine Zusatzvereinbarung zum Arbeitsvertrag.