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Einsamkeit überwinden – was hilft

Social Distancing und Ausgangsbeschränkungen sind in Corona-Zeiten sinnvoll, aber für Menschen, die allein leben, eine echte Herausforderung. Diplom-Psychologin und Buchautorin Dr. Doris Wolf verrät im Interview, warum das so ist. Und wir geben Tipps, was du tun kannst, damit Einsamkeit gar nicht erst aufkommt.

„Menschen sind soziale Wesen“

Das Gefühl, ganz allein zu sein, kann jeden treffen – weil man sich gerade frisch getrennt hat, in eine neue Stadt gezogen ist oder weil einen keiner zu verstehen scheint. Laut einer repräsentativen Studie des Hamburger Marktforschungsinstitut Splendid Research fühlen sich 17 Prozent der Bundesbürger zwischen 18 und 69 Jahren ständig oder häufig einsam, weitere 30 Prozent manchmal. Etwas mehr als 30 Prozent brauchen andere, um sich gut zu fühlen. 66 Prozent haben immer jemanden, um über tägliche Probleme zu sprechen.

Aktuell heißt eher einsam statt gemeinsam. Denn die Corona-Pandemie erfordert, dass wir uns zurückzuziehen, isolieren und dadurch vielleicht auch allein fühlen.

Autorin Dr. Doris Wolf
Foto: privat

Dr. Doris Wolf ist Diplom-Psychologin und Psychotherapeutin. Die Autorin des Buches „Einsamkeit überwinden“ weiß, wovon es abhängt, ob jemand mit wenigen Sozialkontakten gut oder schlecht zurechtkommt. bleibgesund.de hat mit ihr übers Alleinsein und die Einsamkeit gesprochen.

Was genau bedeutet Einsamkeit?

Dr. Doris Wolf: „Einsamkeit ist im Grunde genommen ein Konglomerat verschiedener Gefühle. Einsame Menschen erleben sich als ausgeschlossen, verlassen, ungeliebt und unbedeutend. Sie sind traurig, voller Selbstzweifel und verspüren auch manchmal Selbstmitleid.“

Gibt es einen Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit?

Dr. Doris Wolf: „Ja, allein zu sein bedeutet lediglich, dass keine Menschen zugegen sind. Während einsam sein bedeutet, deshalb negative Gefühle zu verspüren und darunter zu leiden. Man kann zum Beispiel mit seinem Partner zusammen sein und sich dennoch einsam fühlen.“

Viele Menschen haben aktuell Angst vor Vereinsamung. Warum ist das so?

Dr. Doris Wolf: „Wir Menschen sind soziale Wesen. Die Gegenwart anderer hilft uns zum Beispiel dabei, unser Selbstwertgefühl zu stärken. Sie gibt uns Sicherheit, Rückmeldung über unser Verhalten, Trost und auch einen Lebenssinn. Sofern wir uns das Alleinsein nicht bewusst ausgesucht haben, sind wir unglücklich, wenn wir keine Kontakte haben. Mönche oder Eremiten wählen hingegen bewusst die Einöde, um mit sich selbst allein zu sein.“

Für wen ist die Isolation jetzt besonders schwer?

Dr. Doris Wolf: „Isolation kann besonders belastend sein für Menschen, die pflegebedürftig oder psychisch krank sind, und solche, die ohnehin vor Problemen stehen, zu deren Lösung sie die Unterstützung anderer benötigen. Viele Menschen, die vor kurzer Zeit ihren Partner durch Trennung oder Tod verloren haben, leiden ebenfalls verstärkt unter der Isolation. Auch finanzielle Probleme können die Lage erschweren.“

Können die sozialen Medien persönliche Kontakte ersetzen?

Dr. Doris Wolf: „Meiner Meinung nach können soziale Medien den unmittelbaren Kontakt nicht ersetzen. Uns fehlen die unmittelbare Rückmeldung und die nonverbalen Signale. Besser als überhaupt kein Kontakt ist jedoch der Kontakt über soziale Medien.“

Wie lange können wir alleine sein, ohne dass es gefährlich für die Gesundheit wird?

Dr. Doris Wolf: Diese Frage ist nicht konkret zu beantworten. Wir Menschen unterscheiden uns darin, wie sehr wir Kontakt und Nähe zu anderen benötigen und wie der Kontakt aussehen muss, damit wir zufrieden sind. Manche benötigen Kontakt zu vielen unterschiedlichen Menschen, manchen nur zu ein bis zwei Personen. Manche brauchen täglichen Austausch, anderen genügt ab und zu ein Gespräch. Aber selbst wenn das individuelle Kontaktbedürfnis zu einem Zeitpunkt nicht erfüllt ist, hängt es wiederum von der persönlichen Einstellung ab, wie man mit einem unerfüllten Bedürfnis umgeht und damit wie stark man darunter leidet.“


Buchtipp: Einsamkeit überwinden

Unsere hochtechnisierte Welt macht es uns leicht, unsere Mitmenschen zu erreichen. Trotzdem gibt es immer mehr Menschen, die sich einsam fühlen. Das hat auch gesundheitliche Folgen. So spielt Einsamkeit unter anderem eine Rolle bei den meisten Herz- und Kreislauferkrankungen. Wie sich Betroffene von ihren Einsamkeitsgefühlen befreien können, beschreibt die Psychotherapeutin Doris Wolf in ihrem Buch „Einsamkeit überwinden“. In dem Ratgeber befasst sich Wolf unter anderem mit den Ursachen von Einsamkeit. Sie erklärt, wie man es schafft sich selbst zu akzeptieren, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen und die Angst vor Ablehnung zu überwinden. Praktische Übungen ergänzen das Buch und helfen dem Leser dabei eine positive Lebenseinstellung zu entwickeln.

Dr. Doris Wolf: Einsamkeit überwinden. Sich geborgen, geliebt und verbunden fühlen, PAL-Verlag


Allein sein, aber nicht einsam: Das hilft

1. Tag strukturieren

Wer lang im Bett liegen bleibt, danach auf die Couch wechselt und nur mit dem Gang zum Kühlschrank für Bewegung sorgt, der wird sich schnell langweilen. Strukturiere stattdessen deinen Tag und lege konkrete Arbeits-, Aktivitäts-, Ruhe- und Schlafenszeiten fest.

2. Sinnvolle Aufgaben finden

Überleg dir, was du mit der freigeworden Zeit anfangen möchtest. Bewegung und Sport an der frischen Luft sind eine Option. Im Wohnzimmer ist ein regelmäßiges Fitnessprogramm ebenfalls machbar. Auch für Sprachen, Musikinstrumente, nähen, basteln oder weiterbilden ist jetzt die Zeit. Und nicht zu vergessen: Aufgaben, die lange liegengeblieben sind. Auch die kannst du jetzt angehen.

3. In Kontakt bleiben

Schotte dich nicht ab. Nutze alle dir zur Verfügung stehende Kanäle, um die Verbindung zu deiner Familie und zu Freunden aufrecht zu erhalten. Vor allem Skype, WhatsApp und Zoom bieten die Möglichkeit zur Videotelefonie. So kannst du deine Liebsten sehen, ohne sie zu treffen.

4. Kollegen digital treffen

Arbeitest du im Homeoffice, dann halte via Telefon, E-Mail oder Videokonferenzen auch weiterhin Kontakt zu den Kollegen. Mit einem regelmäßigen Austausch unterstützt ihr euch im Kollegenkreis gegenseitig, erleichtert euch die Arbeit und sorgt so für ein Stück Normalität.

5. Raus gehen und Nähe schaffen

Wer gesund ist, darf raus, zum Beispiel für Sport, einen Spaziergang oder zum Einkaufen. Nutze die Gelegenheit, um mit anderen Menschen – trotz Abstandsregeln – in Kontakt zu kommen. Biete zum Beispiel älteren Nachbarn Einkaufshilfe an oder unterhaltet euch am Gartenzaun bzw. Fenster miteinander.

Manchmal ist es einfacher mit einem Fremden über seine Sorgen zu sprechen. Die Telefonseelsorge ist ein guter Ansprechpartner für Menschen, die sich einsam fühlen. Die telefonische Hilfe erreichst du über die gebührenfreie Telefonnummer 0800 1110111. Zusätzlich gibt es auch bei den Sozialverbänden in jeder größeren Stadt eine Telefonseelsorge und Krisenhilfe.