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Angst überwinden: So behältst du die Kontrolle

Angst gehört zum Leben dazu. Aktuell sind jedoch die Sorgen um die Gesundheit oder die eigene Existenz besonders groß. Psychotherapeutin Dr. Doris Wolf erklärt im Interview, was es mit der Angst auf sich hat und wie wir damit gut umgehen.

Sorge um Job und Gesundheit

Angst ist ein menschliches Urgefühl, das uns immer wieder begegnet: vor Prüfungen, wenn wir allein im Dunkeln unterwegs sind oder beim Zahnarzt sitzen. Gelegentlich Angst zu haben, ist vollkommen normal. Die meisten Menschen können gut damit umgehen.

Die Corona-Krise fordert uns im Umgang mit der Angst ganz schön heraus. Denn es gibt kein anderes Thema, das unser Leben gerade mehr beherrscht: Wir sorgen uns um unsere Gesundheit und die unserer Angehörigen, Selbstständige und Unternehmen kämpfen um ihre Existenz. Das Marktforschungsunternehmen Ipsos befragt seit Anfang Februar Menschen in 15 Ländern zu ihrem Befinden in Corona-Zeiten. Das Ergebnis: Jeder zweite hierzulande fürchtet um seinen Job, 43 Prozent haben Angst um ihre Gesundheit. COVID-19 hat also jede Menge Potenzial, uns Angst einzujagen.

„Angst ist eine Alarmreaktion“

Autorin Dr. Doris Wolf
Foto: privat

Warum haben Menschen Angst? Und wie können wir uns selbst und anderen helfen, besser damit umzugehen? Darüber hat bleibgesund.de mit der Buchautorin und Psychotherapeutin Dr. Doris Wolf gesprochen:

Hamsterkäufe, Selbstisolation, Schutzmasken: Aktuell beobachten wir jeden Tag, wie unterschiedlich Menschen in derselben Situation reagieren. Ist Angst eine Typfrage?

Dr. Doris Wolf: „Es ist eine Frage der grundsätzlichen Lebenseinstellung. Auch Erfahrungen und Verhaltensmuster, die wir uns im Laufe des Lebens angeeignet haben, spielen eine Rolle. Ich würde da drei Typen unterscheiden: sehr ängstliche Menschen, die glauben, das Leben stecke voller Gefahren. Sie halten deshalb permanent danach Ausschau und versuchen, ihr Leben zu kontrollieren. Menschen, die Vertrauen in das Leben und die eigenen Bewältigungsstrategien haben, die das Notwendige tun, aber sich nicht von dem Blick auf mögliche Katastrophen lähmen lässt. Und Menschen, die alle Gefahren leugnen und deshalb eher leichtsinnig sind.“

Warum haben wir überhaupt Angst?

Dr. Doris Wolf: „Unsere Fähigkeit, Angst zu empfinden, ist angeboren. Denn Angst ist eine Alarmreaktion. Sie soll uns dabei helfen, unser Leben zu erhalten. Wir verhalten uns an diesem Punkt noch genauso wie unsere Vorfahren. Sie mussten sehr schnell reagieren, vor wilden Tieren flüchten und mit feindlichen Stämmen kämpfen. Deshalb tritt unsere Angst auch heute noch blitzschnell in Erscheinung. Grundsätzlich hilft sie uns, uns zu schützen und macht uns stärker. Wer sich nicht fürchtet, lebt gefährlich.“

Was ist typisches Verhalten bei Angst?

Dr. Doris Wolf: „Typisch sind negative Gedanken, die nur noch um die Gefahr kreisen. Wir beschäftigen uns ständig damit, wie wir die Gefahrensituation bewältigen beziehungsweise wie wir sie in Zukunft vermeiden. Oder wir verfallen in spezielle Verhaltensmuster, wie zum Beispiel Flucht oder Erstarrung. Um Angst nicht verspüren zu müssen, greifen manche Menschen auch zu Beruhigungsmitteln und Alkohol oder essen zu viel.“

Was kann man tun, um die eigene Angst in den Griff zu bekommen?

Dr. Doris Wolf: „Die Angst entsteht im Kopf – weil wir glauben, mit einer Sache nicht fertig zu werden oder gar die Kontrolle über unser Leben zu verlieren. Hier müssen wir unsere Einstellung ändern. Statt sich zu verkriechen, sollten Betroffene das Problem aktiv angehen. Oft hilft es schon, über seine Ängste zu reden und sich bewusst zu machen, dass andere ähnliche Sorgen haben und was im schlimmsten Fall passieren kann. Auch einfache Ablenkungsmanöver wie Sport oder Entspannungsübungen können helfen, gelassener zu reagieren.“

Haben Sie abschließend noch Tipps, wie man anderen helfen kann, ihre Ängste zu überwinden?

Dr. Doris Wolf: „Angst können Sie niemandem ausreden, aber Sie können den Betroffenen unterstützen. Finden Sie zusammen mit ihm heraus, was er genau befürchtet, und überprüfen Sie, ob seine Bewertung angemessen und korrekt ist. Ermutigen Sie ihn dann, sich in kleinen Schritten der Angst zu stellen. Nehmen Sie ihm keinesfalls alles ab. Denn das führt nur dazu, dass sich seine Angst verstärkt. Suchen Sie gemeinsam nach Mitteln und Auswegen, konzentrieren sie sich zum Beispiel auf die Atmung oder machen sie eine Entspannungsübung. Hat der Betroffene akut Angst, versichern Sie ihm, dass nichts Schlimmes passieren wird. Und atmen Sie gemeinsam mit ihm ruhig und langsam ein und aus.“


Buchtipp: Ängste verstehen und überwinden

Dr. Doris Wolf ist seit mehr als 30 Jahren als Psychotherapeutin tätig. Als Hilfe für alle, die unter Ängsten leiden, hat sie den Ratgeber „Ängste verstehen und über­winden“ geschrieben. Darin gibt sie Betroffenen viele nützliche Strategien an die Hand. Mit Selbsthilfemethoden lernt der Leser Schritt für Schritt, seine Ängste langsam abzubauen. Der Fokus liegt dabei auf einer Veränderung der Lebenseinstellung und eigenen Bewältigungsstrategien. Zahlreiche positive Fallbeispiele und Erfahrungsberichte von ehemaligen Angstpatienten machen zusätzlich Mut.

Dr. Doris Wolf: Ängste verstehen und überwinden. Wie Sie sich von Angst, Panik und Phobien befreien, PAL-Verlag.


So reagiert der Körper bei Angst:

Das Gehirn setzt in Sekundenschnelle einen komplexen Kreislauf in Gang, damit wir bei Gefahr flüchten oder uns verteidigen können. Die verstärkte Ausschüttung der Hormone Adrenalin, Noradrenalin und Kortisol verbessert die Durchblutung unserer Muskulatur und steigert die Spannung im Körper. Außerdem werden Herzfrequenz und Atmung beschleunigt sowie der Blutkreislauf angeregt. Was wir davon merken, sind ein schnellerer Herzschlag und feuchte Hände.