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Bei Mandelentzündung erst Antibiotika

Bei chronischen Mandelentzündungen scheinen viele Betroffene nicht leitliniengerecht behandelt zu werden. Statt die Therapie mit Antibiotika voll auszuschöpfen, wird operiert. Das zeigt eine Auswertung des Wissenschaftlichen Instituts (WIdO) der AOK.

Erst Antibiotika, dann Mandel-OP

Halsschmerzen und Schluckbeschwerden, Fieber, Kopfschmerzen und Abgeschlagenheit – bei einer Mandelentzündung (in der Fachsprache auch Tonsillitis oder Angina tonsillaris genannt) fühlen sich Betroffene richtig krank.

Liegt die Ursache der Beschwerden in einer bakteriellen Infektion, helfen Antibiotika. Erst wenn diese konservative Therapie ausgeschöpft ist und sich keine dauerhafte Besserung zeigt, sollte über eine Operation der Rachenmandeln nachgedacht werden. Das steht in der 2015 von medizinischen Fachgesellschaften entwickelten Tonsillitis-Leitlinie. Laut dieser Empfehlung kommt eine Mandel-OP erst dann in Betracht, wenn die Betroffenen innerhalb von zwölf Monaten drei antibiotikaumpflichtige Mandelentzündungen hatten.

Eine Auswertung des Wissenschaftlichen Instituts (WIdO) der AOK zeigt jetzt: Viele Patientinnen und Patienten, die sich in den vergangenen Jahren wegen einer wiederkehrenden „rezidivierenden“ Tonsillitis die Mandeln operativ entfernen ließen, waren im Vorfeld nicht entsprechend mit Antibiotika behandelt worden.

Leitlinie hat kaum Einfluss auf Therapie

Bei der Auswertung haben die Wissenschaftler rund 110.000 anonymisierte Patientendaten mit Zahlen aus der ambulanten ärztlichen Versorgung und Infomationen zu verordneten Arzneien verknüpft. Dabei wählten sie den Zeitraum von 2012 bis 2018 – also vor und nach Einführung der Leitlinie. Das Ergebnis: Etwa die Hälfte aller Patienten, die wegen einer rezidivierenden Tonsillitis operiert wurden, hatte im Vorfeld keine beziehungsweise nur eine Antibiotikabehandlung. 2012 lag der Anteil bei 50,4 Prozent, 2018 bei 44,9 Prozent. Zudem waren viele Betroffene vor der Operation gar nicht oder nur in einem Quartal wegen Halsschmerzen ambulant behandelt worden – 2012 waren es 26,6 Prozent, 2018 21 Prozent. Kein signifikanter Rückgang also.

Insgesamt weniger Mandel-OPs

Die WIdO-Analyse zeigt allerdings einen deutlichen Rückgang der Mandeloperationen insgesamt – gegenüber 2012 ließen sich 2018 fast 50 Prozent weniger Menschen die Mandeln entfernen. Besonders bei den kleinen Patientinnen und Patienten, also Kindern unter zehn Jahren, ist die Entfernung der Rachenmandeln offenbar nicht mehr vorrangiges Mittel der Therapiewahl. Generell haben die Mandeln gerade im Kindesalter eine wichtige Funktion: Sie unterstützen das Immunsystem dabei, sich gegen Angriffe von Viren und Bakterien zu schützen.

Symptome einer Mandelentzündung

  • heftige Halsschmerzen
  • Schluckbeschwerden („kloßige Aussprache“)
  • hohes Fieber, eventuell Schüttelfrost
  • geschwollene und druckempfindliche Lymphknoten am Hals
  • gerötete Mandeln, bei einer bakteriellen Infektion mit eitrigen Stippchen
  • Kopfschmerzen
  • Abgeschlagenheit
  • Mundgeruch und schlechter Geschmack im Mund

Ursachen und Behandlung

Meist steckt eine Infektion mit Erkältungsviren hinter den Beschwerden. Dann sind Begleiterscheinungen wie Schnupfen oder Husten wahrscheinlich.

Gegen Viren ist gewissermaßen „kein Kraut“ gewachsen – hier hilft nur, die Symptome mit Schmerz- oder fiebersenkenden Mitteln zu lindern und sich auszukurieren. Bei einer bakteriellen Mandelentzündung helfen Antibiotika, die Beschwerden zu lindern und die Entzündung auszuheilen. Ohne Antibiotika dauert eine Mandelentzündung etwa 14 Tage. Unter der Einnahme von Antibiotika sind Betroffene innerhalb von 24 Stunden nicht mehr ansteckend.

Bei immer wiederkehrenden Mandelentzündungen kann es sein, dass die starken Symptome abklingen, aber immer wieder leichte Schluckbeschwerden oder Halsschmerzen auftreten und bei Druck auf die Mandeln Eiter austritt.

Was passiert bei einer Mandeloperation?

Eine Entfernung der Rachenmandeln kann teilweise oder vollständig erfolgen.

  • Tonsillektomie: Dies ist ein Routineeingriff, der im Bereich Hals-Nasen-Ohren (HNO) am häufigsten gemacht wird. Hierbei werden die Gaumenmandeln meist unter Vollnarkose mit einem „scharfen“ Löffel vollständig ausgeschält. In maximal sechs Prozent aller Fälle kann es dabei zu Nachblutungen kommen, die sofort ärztlich behandelt werden müssen. Ansonsten gilt, dass sich Operierte zwei Wochen lang schonen sollen und heiße Bäder, Sport oder sonstige körperliche Anstrengungen vermeiden sollen.
  • Tonsillotomie: Hierbei werden zu große Mandeln teilweise entfernt beziehungsweise „gekappt“. Das kann mit einem Laser oder mittels Radiofrequenz erfolgen. Vorteil: Die Methode ist schonender und es treten weniger Komplikationen auf. So ist das Risiko von Nachblutungen deutlich geringer. Nachteil: Bei einer chronischen Entzündung der Mandeln wird davon abgeraten, weil der Entzündungsherd dadurch nicht eliminiert wird. Zudem zahlen auch nicht alle gesetzlichen Krankenkassen diesen Eingriff – im Vorfeld also erst bei der eigenen Krankenversicherung nachhaken.