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Toxische Beziehungen können krank machen

Eigentlich soll eine Partnerschaft uns glücklich machen, Kraft geben, Geborgenheit vermitteln … Doch es gibt auch Beziehungen, die zermürbend und giftig sind. Wie erkennt man eine toxische Beziehung? Und was tun, wenn man mittendrin steckt? Wir haben einen Experten gefragt.

Partnerschaft im Coronatest

Seitdem wir in der Coronapandemie vermehrt Zeit zuhause miteinander verbringen, sehen sich Partnerschaften einem ganz besonderen Härtetest ausgesetzt. Da wird mancher Streit auch wirklich ausgetragen, weil eine Flucht aus einer Beziehung in Schräglage nicht so einfach möglich ist wie vor COVID-19. So ist laut Bundeskriminalamt die Zahl der Gewalttaten unter Paaren seit 2019 gestiegen. Auch die Sorgentelefone verzeichnen mehr Anrufe.

Toxische Beziehung – ein alter Hut

Toxische Beziehungen, in denen sich die Partner gegenseitig seelisch nicht guttun, gibt es im Grunde seit Anbeginn der Menschheit. Damals wurden sie nur nicht so bezeichnet. Allerdings steigt das Bewusstsein für solche schädlichen Verhaltensmuster in den letzten Jahren und der Begriff wird deshalb in der Öffentlichkeit immer präsenter.

Schon mal eine toxische Beziehung gehabt?

Laut Statistik ist die toxische Beziehung kein seltenes Phänomen. Laut einer Befragung von Parship aus dem Jahr 2021 war gut ein Drittel der Befragten schon mal in einer solchen Partnerschaft. Frauen häufiger als Männer.

  • „Ja, ich war bereits in einer toxischen Beziehung“: 31 Prozent der Männer und 41 Prozent der Frauen.
  • „Nein, aber ich kenne jemanden, der/die in einer toxischen Beziehung war oder ist“: 28 Prozent der Männer und 25 Prozent der Frauen.
  • „Nein und ich kenne auch niemanden, der/die in einer toxischen Beziehung war oder ist“: 41 Prozent der Männer und 33 Prozent der Frauen.

Was ist eine toxische Beziehung?

Toxische Beziehungen sind oftmals von extremen emotionalen Höhen und Tiefen gekennzeichnet. Betroffene verwechseln diese Achterbahnfahrt der Gefühle häufig mit großer Leidenschaft und Liebe. Meistens schreiten diese Beziehungen deshalb auch extrem schnell voran. Außerdem tritt der dominantere Partner häufig sehr kontrollierend auf, will beispielsweise Handynachrichten lesen oder bestimmen, was beim Ausgehen angezogen werden darf. Oftmals geht damit auch eine Kontrolle der sozialen Kontakte und eine Isolation von Freunden und Familie einher. Wer mit einem toxischen Partner zusammenlebt, bekommt außerdem häufig das Gefühl vermittelt, an allem schuld und nichts wert zu sein.

Interview: Was tun, wenn die Beziehung Gift ist?

klaus dirk kampz
© My Way Psychiatrische Klinik


Klaus-Dirk Kampz ist Geschäftsführer der My Way-Klinik, einer Psychiatrischen Klinik in Reichshof-Eckenhagen.

Wie häufig checken bei Ihnen Opfer toxischer Beziehungen ein?

Klaus-Dirk Kampz: „Menschen, die in unsere Klinik kommen, suchen uns in der Regel aufgrund krankmachender Folgen toxischer Beziehungen auf. Sie können durch das emotionale Auf und Ab in der Partnerschaft beispielsweise Depressionen oder Angststörungen entwickeln. Auch leiden Menschen, die sich auf toxische Beziehungen einlassen, schon länger unter psychischen Erkrankungen wie Traumata, die sie noch nicht verarbeitet haben. Dies betrifft sowohl den dominanteren Part als auch den Partner, der sich unterordnet. Um eine gesunde Bindung eingehen zu können, sollten diese zugrunde liegenden mentalen Probleme nachhaltig aufgearbeitet werden.“

Also nur ein Begleitphänomen?

Klaus-Dirk Kampz: „Typisch für eine toxische Beziehung: Der dominante Part leidet unter einer psychischen Persönlichkeitsstörung wie Borderline, Narzissmus oder Zwangsgedanken. Betroffenen fehlt dadurch häufig Empathie für ihren Partner, weshalb sich Beziehungen mit ihnen sehr schwierig gestalten.“

Sind es eher Männer, die eine Beziehung vergiften?

Klaus-Dirk Kampz: „Sowohl Männer als auch Frauen können eine Beziehung vergiften. Schätzungen gehen allerdings davon aus, dass Männer öfter den dominanteren Part in einer toxischen Beziehung einnehmen.“

Kann ich daran arbeiten?

Klaus-Dirk Kampz: „Wer sich immer wieder auf toxische Partner einlässt, kann selbstverständlich daran arbeiten, diese Muster zu durchbrechen. Professionelle Unterstützung hilft dabei, zu erkennen, warum Betroffene sich zu dieser Art Mensch hingezogen fühlen. Schwieriger wird es beim Versuch, den Partner zu ändern. Auch dieser leidet in der Regel unter psychischen Problemen, die es aufzuarbeiten gilt – vorausgesetzt die Bereitschaft ist da. Eine Paartherapie kann an dieser Stelle sinnvoll sein. Den Partner gegen dessen Willen zu ändern, wird nicht klappen.“

Bleiben oder gehen?

Klaus-Dirk Kampz: „Grundsätzlich sollte niemand in einer Beziehung ausharren, die sich nicht gut anfühlt. Zum Wohle der eigenen mentalen Gesundheit ist es oftmals besser, einen Schlussstrich zu ziehen. Eine Trennung fällt vielen Betroffenen allerdings schwer, weil beide Partner in der Regel emotional abhängig voneinander sind und Angst vor dem Alleinsein haben. Deshalb gilt es, den eigenen Selbstwert aufzubauen und sich bewusst zu werden, dass ein Leben ohne den Partner besser ist, wenn es keine realistische Chance auf Änderung des Partners gibt.“