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Frauengesundheit: mehr als schwanger sein

Warum konzentrieren sich Forschung und Medien beim Thema Frauengesundheit auf die Schwangerschaft? Heute sterben die wenigsten Frauen an Komplikationen in diesem Lebensabschnitt, sondern vielmehr an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfall oder chronischen Lungenkrankheiten.

Frauen und Männer unterscheiden sich in puncto Gesundheit und Krankheit. Einige Erkrankungen betreffen fast nur Frauen, andere gehäuft Männer. Ursachen sind ganz grundsätzliche biologische Unterschiede – aber auch psychosoziale Faktoren beeinflussen die gesundheitliche Situation der Geschlechter. Beispielsweise belastet Frauen die sogenannte „Mental Load“ im Familienalltag viel weitreichender als Männer. Frauen leiden auch viel häufiger als ihre Partner an stressbedingten Rückenproblemen. Wo sich die Geschlechter hingegen angleichen: Laut Statistischem Bundesamt (2021) stehen sowohl für Frauen als auch Männer Herz-/Kreislauferkrankungen mit 34 Prozent an der erster Stelle der Todesursachen.

Geht es um die Frauengesundheit, fällt auf, dass sowohl wissenschaftliche als auch populäre Publikationen sich hauptsächlich mit dem Thema Schwangerschaft und Geburt beschäftigen. Weniger oft finden die typischen Krankheiten Erwähnung, die bei Frauen tatsächlich eine ernsthafte gesundheitliche Gefahr bedeuten: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfall und chronische Lungenkrankheiten. Zu diesem Schluss kommt Laura Hallam vom George Institute for Global Health.

Bikinimedizin

Eine neue Studie des unabhängigen medizinisches Forschungsinstituts mit Hauptsitz in Australien zeigt, dass sich die Berichterstattung im englischsprachigen Bereich bei Frauengesundheit nach wie vor unverhältnismäßig stark mit den reproduktiven Jahre, also der Schwangerschaft befasst und dazu im Vergleich nur wenige Artikel über die Hauptursachen für Krankheit und Tod bei Frauen veröffentlicht werden. Ein Ergebnis, das auch in Deutschland bei einer gleich gelagerten Studie vermutlich zu erwarten wäre.

Laura Hallam galubt, dass die Konzentration auf die sogenannte „Bikini-Medizin“ auf einem Irrglauben beruht: Die Gesundheit von Frauen und Männern beträfe nur die Geschlechtsteile, die beim Baden durch Bikini und Badehose bedeckt werden. Erkrankungen anderer Organe wie Herz, Lunge und Gehirn fänden weniger Beachtung, obwohl diese vor allem in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen die Hauptursache für Tod und Behinderung von Frauen darstellen.

Frauenzeitschriften und Fachmagazine untersucht

Die Forscher des George-Instituts analysierten Gesundheitsinhalte von Artikeln, die 2010 und 2020 in sechs Frauengesundheitszeitschriften und fünf führenden allgemeinmedizinischen Fachzeitschriften veröffentlicht wurden. Sie kategorisierten hierfür die wichtigsten medizinischen Themenbereiche und die untersuchten Lebensabschnitte. Anschließend verglichen sie diese Ergebnisse mit den führenden Krankheitsursachen bei Frauen gemäß der Global Burden of Disease-Studie.

Es zeigte sich, dass sich 2010 etwas mehr als ein Drittel (36 Prozent) der Inhalte in beiden Zeitschriften um den Zeitraum der Schwangerschaft drehte und dieser Textanteil bis 2020 auf knapp die Hälfte stieg. Bei den nicht übertragbaren Krankheiten wie beispielsweise Krebs war es umgekehrt: Ihr Anteil nahm ab. In beiden Jahren zusammengenommen waren bösartige Neubildungen mit knapp über 40 Prozent das bei Weitem am häufigsten behandelte Thema in Fachzeitschriften für Frauengesundheit, gefolgt von psychischen Erkrankungen und Drogenmissbrauch mit 22 Prozent. Auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen entfielen lediglich 15 Prozent der Beiträge.

Die Aufmerksamkeit besser auf wichtige Frauenprobleme lenken

Die Forscher*innen fanden nur sehr wenige Artikel, die sich auf eine geschlechtsspezifische und/oder geschlechtsspezifische Analyse konzentrierten. Es sei aber ganz entscheidend, dies routinemäßiger in die Gesundheits- und medizinische Forschung einzubeziehen, um ein besseres Verständnis dafür zu schaffen, wie unterschiedlich Männer und Frauen Krankheiten erleben, welche Medikamente am besten wirken und wie optimale Vorsorge und Behandlung von Krankheiten aussehen.

Von Zeitschriftenmacher*innen, Forscher*innen, Geldgeber*innen und Entscheidungsträger*innen wünscht sich die Forscherin Laura Hallem mehr Unvoreingenommenheit, wenn es um die Sicht auf die Frauengesundheit geht. Man solle das weibliche Geschlecht über die gesamte Lebensspanne beobachten und nicht auf die Schwangerschaft reduzieren. Wichtig sei, sich sexueller und geschlechtsspezifischer Vorurteile bewusst zu werden, um hier gegenzusteuern.

Spezielle Informationen für die Frau

Die speziellen Frauen-Seiten der Bundeszentrale für gesundheitheitliche Aufklärung (BZgA) erreicht man unter www.frauengesundheitsportal.de

Gesundheitliche Lage der Frauen in Deutschland, herausgeben vom Robert-Koch-Institut.

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) ist eine fachlich unabhängige wissenschaftliche Einrichtung mit dem Ziel, evidenzbasierte Entscheidungen in Gesundheitsfragen zu unterstützen. Hier findet man das spezielle Angebot zur Frauengesundheit.