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Ansteckungsrisiko für Corona richtig einschätzen

Wo ist das Ansteckungsrisiko für Corona am größten? Wir haben die Fakten unter die Lupe genommen und stellen fest: Das ist gar nicht so einfach zu beantworten.

Wo ist das Ansteckungsrisiko besonders groß?

Um eine Rangfolge bezüglich des Ansteckungsrisiko aufzustellen, sind viele Dinge zu berücksichtigen. Eine ganze Reihe unabhängiger Einzelfaktoren und persönlicher Voraussetzungen spielen eine Rolle. Warum das so ist, sieht man, wenn man sich einzelne Lokalitäten genauer anschaut und einige Fragen hierzu klärt:

Sitzt man auf der Arbeit in einem Einzelbüro oder mit mehreren zusammen? Wird bei Besprechungen regelmäßig gelüftet? Tragen alle Teilnehmer Masken? Das gleich gilt auch für Schulen. Die meisten Fahrstühle sind nur für eine Person geeignet. Wenn ein Infizierter aus dem Fahrstuhl geht, bleiben Aerosole zurück, die bei geöffneter Fahrstuhltür erst nach gewisser Zeit entweichen.

Kauft man im Supermarkt zu Stoßzeiten ein? Steht man mit vielen Menschen vor einem Regal oder an der Kasse? In Arztpraxen wird ganz genau auf Hygiene geachtet. Das Risiko, sich im Wartezimmer anzustecken ist im Vergleich zu Krankenhaus oder Reha-Einrichtung deutlich geringer – bei letzteren ist der Kontakt zu anderen Patienten und zum Personal intensiver. Im Fitnessstudio muss man sich fragen: Befinden sich die Geräte draußen oder in einer Halle? Wie viele Menschen trainieren parallel unter welchem Abstand und mit Mundschutz? An Fahrkarten- und Geldautomaten gilt: Wie dicht stehen weitere Kunden um mich herum? Ist der Automat draußen aufgestellt?

Öffentliche Verkehrsmittel

Laut Robert Koch-Institut (RKI) ist das Ansteckungsrisiko in Bussen und Bahnen schwer zu ermitteln. Die Aussagekraft aller Studien sei bislang gering. Auch für den öffentlichen Transport gilt: Wie voll ist das Verkehrsmittel? Reden die Mitfahrer unter ihren Masken? Wie lange fahre ich? Die Bahn untersuchte im Sommer vergangenen Jahres 1.073 Mitarbeiter auf akute und überstandene SARS-CoV-2-Infektionen. Das Fazit der Bahn: „Entgegen der Erwartung sind Zugbegleiter mit häufigem Personenkontakt nicht häufiger betroffen als die beiden Vergleichsgruppen.“

Studie der TU-Berlin

Am 21. Februar haben Wissenschaftler der TU Berlin eine „Vergleichende Bewertung von Innenräumen zur COVID-19 Ansteckung über Aerosolpartikel“ veröffentlicht. Auf Deutsch: Die Wissenschaftler haben versucht, die Wahrscheinlichkeit zu berechnen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, sich mit dem Coronavirus zu infizieren.

Bei ihrer Untersuchung gingen Martin Kriegel und Anne Hartmann vom Hermann-Rietschel-Institut der TU Berlin davon aus, dass die AHA+L-Regel (Abstand halten, Hygiene beachten, im Alltag Maske tragen, regelmäßig Lüften) und die Empfehlungen des Umweltbundesamtes und der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin eingehalten wurden. Die Hitliste der Wissenschaftler mit der höchsten Ansteckungswahrscheinlichkeit von oben:

  1. Oberschule ohne Maske (Vollbesetzung)
  2. Mehrpersonenbüro mit 50 Prozent Belegung ohne Maske
  3. Oberschule mit 50 Prozent Belegung ohne Maske
  4. Fitnessstudio mit 50 Prozent Belegung ohne Maske
  5. Oberschule mit 50 Prozent Belegung mit Maske
  6. Restaurant mit 50 Prozent Belegung
  7. Schwimmhalle
  8. Mehrpersonenbüro mit 20 Prozent Belegung mit Maske
  9. Fernbahn, Fernbus, 3 Stunden Fahrt, 50 Prozent Belegung mit Maske
  10. Sporthalle mit 50 Prozent Belegung ohne Maske
  11. Fitnessstudio mit 30 Prozent Belegung ohne Maske
  12. Restaurant mit 25 Prozent Belegung
  13. Kino mit 40 Prozent Belegung ohne Maske
  14. Shopping mit Maske und 10 Quadratmeter pro Person
  15. Kino mit 30 Prozent Belegung ohne Maske
  16. Supermarkt mit Maske
  17. ÖPNV mit Maske
  18. Theater, Oper, Museen mit 40 Prozent Belegung mit Maske
  19. Friseur Damen mit Maske
  20. Theater, Oper, Museen mit 30 Prozent Belegung mit Maske

Die Liste mag korrekt und wissenschaftlich fundiert sein, aber sie hat so viele indirekte Annahmen, dass ein Übertragen auf einer deiner typischen Alltagssituationen wahrscheinlich sehr schwierig sein wird.

Gemeldete Coronafälle geben Hinweise

Einen Anhaltspunkt für Hotspots zum Ansteckungsrisiko können die an das RKI übermittelte Coronafälle nach Infektionsumfeld, Stand 17.09.2020, liefern. Das ist die neueste Erfassung in Bezug auf mögliche Infektionsorte. In späteren Berichterstattungen hat das Robert Koch-Institut davon Abstand genommen, Coronafälle einem genauen Ort zuzuordnen, weil die Angaben ungenau sind. Dennoch zeigt sich eine Tendenz, wo man der Gefahr einer Ansteckung mit COVID-19 am ehesten ausgesetzt ist.

Medizinische Behandlungseinrichtungen: Krankenhaus (4.107 Fälle) und Reha-Einrichtungen (1.118 Fälle) liegen vorn. Dagegen fallen ambulante Behandlungseinrichtungen wie Arztpraxen mit 710 Fälle deutlich ab.

Wohnstätten: Private Haushalte liegen mit 3.902 Fällen vor Alten- und Pflegeheimen mit 709. Die Wahrscheinlichkeit, sich in den eigenen vier Wänden anzustecken ist dann groß, wenn man Mitbewohner hat.

Freizeitveranstaltungen: Sich hier anzustecken ist bei insgesamt 1.699 Fällen im Vergleich zu den vorangegangenen Orten unwahrscheinlicher Man sollte jedoch bedenken, dass hier sehr unterschiedliche Tätigkeiten zusammengefasst werden, die zum großen Teil draußen stattfinden.

Betreuungseinrichtungen: Reihen sich mit insgesamt 1.435 gemeldeten Infektionen über alle Altersgruppen ein.

Arbeitsplatz: Hier wurden im Zeitraum 412 Coronafälle gemeldet, bei denen davon ausgegangen wird, dass die Ansteckung während der Berufsausübung stattfand.

Ansteckungsfaktoren

Laut Robert Koch-Institut wird die Erkrankung durch Tröpfcheninfektion und Aerosole direkt von Mensch zu Mensch übertragen. Das Ansteckungsrisiko durch verunreinigte Oberflächen scheint nach derzeitigem Wissensstand nur eine untergeordnete Rolle zu spielen. Das Einhalten der Abstands- und Hygieneregeln sowie das Tragen von Alltagsmasken (AHA+L-Regel) helfen, so das Robert Koch-Institut, die Zahl der Übertragungen zu verringern.

Für das Ansteckungsrisiko spielen unterschiedliche Faktoren eine Rolle. Ganz prinzipiell ist dies der geographische Aufenthaltsort. Die Inzidenzen sind von Kreis zu Kreis unterschiedlich. Wer sich an einem Ort mit hoher Inzidenz aufhält, läuft von vornherein ein höheres Risiko, sich anzustecken. Die Virendichte außerhalb geschlossener Räume ist draußen generell geringer, durch Wind und andere Luftbewegungen. Innerhalb von Räumen spielen Quadratmeterzahl und Raumhöhe eine Rolle. Wie gut ist der Raum gelüftet? Wie viele Leute befinden sich in einem Raum?

Wird von allen Maske getragen und wenn ja, welche? FFP-2-Masken schützen mehr als Chirurgenmasken. Am schlechtesten schneiden die Alltagsmasken ab, von denen mittlerweile abgeraten wird.

Entscheidend ist auch die Expositionsdauer: Wie lange hält man sich an einem Ort auf und hat Kontakt mit Coronainfizierten? Je mehr sich Menschen bewegen, umso tiefer atmen sie. Mit der Erhöhung der Atemzüge durch Aktivität steigt auch die Virenlast des ausgeatmeten Aerosols. Ganz unten auf der Skala: ruhig und stumm sitzen. Ganz oben: Sport treiben.

Fazit

Eine Hitliste der Hotspots für das Ansteckungsrisiko mit COVID-19 aufzustellen, ist eigentlich unsinnig. Es verleitet vielleicht zu einer trügerischen Sicherheit in Bezug auf bestimmte Orte. Auf der anderen Seite macht sich der ein oder andere mittlerweile zu viel Sorgen und meidet jeglichen Kontakt zu Mitmenschen aus Angst, sich anzustecken und trägt nur noch FFP2-Maske. Gefragt ist ein gesundes Augenmaß unter Einhaltung der Kontaktbeschränkungen und der AHA+L-Regel, unabhängig, an welchem Ort man sich aufhält.