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Die Corona-Warn-App: meine stumme Begleiterin

Rund sechs Wochen lang hat unsere Autorin die Corona-Warn-App schon installiert und stellt fest: Sicherer fühlt sie sich nicht, viele Fragen sind noch offen, aber der Beitrag zur Eindämmung der Pandemie tut nicht weh.

App mit Zündstoff

Sie wurde wochenlang diskutiert, so hitzig wie sonst Bundesligaergebnisse: Kommt sie? Wird sie Pflicht? Wer macht sie? Und wie sieht es mit dem Datenschutz aus? Dann war es soweit: Ab 16. Juni stand die Corona-Warn-App kostenlos zum Download bereit.

Auch ich setze mich zwei Tage nach dem Erscheinen hin und installiere die App. Entwickelt hat sie das Robert Koch-Institut (RKI) zusammen mit verschiedenen IT-Firmen. Ihr Quellcode ist einsehbar, was mir allerdings wenig nützt, so viel technisches Know-how habe ich nicht. Wie die App technisch genau funktioniert, konnte man aber in den vergangenen Wochen an vielen Stellen lesen und hören.

Sind meine Daten sicher?

Ich habe natürlich auch ein paar Artikel zur Corona-App gelesen und mir unter anderem die FAQ-Seiten der Bundesregierung dazu angesehen. Mir war recht schnell klar: Große Datenschutzbedenken habe ich nicht. Da ich Instagram, Facebook, WhatsApp und Co. nutze, scheinen mir die zufälligen Bluetooth-IDs, die die App von mir speichert, verkraftbar. Ich wollte vor allem wissen: Wie sieht die Corona-App aus? Welche Meldungen zeigt sie an? Wie „lebt“ es sich mit ihr auf dem Smartphone? Ich war neugierig, wollte mitreden können und ich dachte mir: Die App allein kann das Virus nicht aufhalten, aber ich habe nichts zu verlieren. Ähnlich geht es meiner Kollegin Miriam: „Ich wollte die Corona-Warn-App aus Datenschutzgründen eigentlich nicht installieren, habe mich dann an verschiedenen Stellen informiert und schließlich hat mich ein Text vom Chaos Computer Club überzeugt“, berichtet sie.

Technik, die (nicht) begeistert?

Auf meinem recht neuen Android-Smartphone kann ich die App schnell und problemlos installieren. Anders als manche Kollegen oder Familienmitglieder, mit denen ich mich über die Corona-App unterhalte. Andrea hat zu wenig Speicherplatz auf ihrem neuen (!) iPhone für das nötige Update. Und weil sie es nicht schafft, ihre Fotos endlich mal auszumisten, hat sie die App bis heute nicht. Einige berichten, dass die App doch recht viel Akku frisst, schließlich muss die Bluetooth-Verbindung aktiv sein, damit die App anzeigt, ob man einen riskanten Kontakt hatte oder nicht. Mein Smartphone steckt das allerdings locker weg. Miriam hat ein paar technische Fragen, hat deshalb die Hotline der App angerufen und schnell kompetente Hilfe bekommen.

Ich wundere mich zu Beginn, weil die App anscheinend nicht richtig aktualisiert. Sie zeigt am zweiten Tag noch an: 0 von 14 Tagen aktiv – das Problem haben andere User auch, wenn ich mir die Kommentare in den App-Stores so ansehe, aber zumindest bei mir ist es schnell behoben – war‘s vielleicht mein Fehler?

Aktuell haben etwa 16,2 Millionen Menschen die Corona-Warn-App heruntergeladen (Stand: 24.7.20). Das heißt aber nicht, dass sie sie auch nutzen. Zumal es ja auch gerade erst Probleme gab, weil die App sich auf vielen Smartphones nicht automatisch aktualisiert hat. Auch gibt die Zahl keine Auskunft darüber, wie lang die Menschen die App auf ihrem Smartphone lassen. Vielleicht waren viele einfach neugierig, so wie ich?

Fakt ist: Die App funktioniert besser, je mehr Menschen sie nutzen. Immer wieder war zu lesen, dass mindestens 60 Prozent der Bevölkerung die App nutzen müssten, damit sie wirken könne. So jedenfalls das Ergebnis einer Oxford-Studie. Solche Werte erreicht aktuell meines Wissens aber nur eine mobile Anwendung hierzulande: WhatsApp. Allerdings sagen selbst die Forscher mittlerweile sinngemäß: Weniger tut‘s auch.

Passiert hier mal was? Besser nicht!

Täglich schaue ich in den ersten Tagen interessiert aufs Display: Mehr als „Bisher keine Risiko-Begegnungen“ auf einem grünen Feld zeigt die Corona-App allerdings nicht an. So wünsche ich mir das ja auch, klar. Alles andere hieße, dass ich Kontakt zu einem Corona-infizierten Menschen gehabt hätte und deshalb möglicherweise selbst erkranken könnte. Trotzdem fühle ich mich manchmal ein bisschen wie mit einer tickenden Zeitbombe, von der man hofft, dass sie nie hochgeht. Auch meinem Kollegen Jonas geht es so: „Die ersten paar Tage habe ich reingeschaut, um zu sehen, ob das Risiko errechnet ist. Jetzt schlummert sie auf meinem Handy und bleibt hoffentlich ruhig.“ Wie viele Menschen die Corona-App bisher vor einer möglichen Risiko-Begegnung gewarnt hat, weiß aus Datenschutzgründen übrigens auch das RKI nicht.

Viele offene Fragen

Mir schwirren viele Fragen durch den Kopf, wenn ich über den Nutzen meiner (hoffentlich stummen) Begleiterin nachdenke, unter anderem:

  • Was, wenn kaum einer, dem ich begegnet bin, die App installiert hat? Schließlich ist die Nutzung freiwillig.
  • Haben andere sie, lassen sie aber nicht laufen? Zum Beispiel, weil der Akku sonst zu schnell schlapp macht.
  • Die App berechnet mein persönliches Übertragungsrisiko nach einem komplexen System. Es spielt unter anderem eine Rolle, wie lange es her ist, dass ich eine Corona-positiv getestete Person getroffen habe, wie lang wir uns begegnet sind, wie weit wir währenddessen voneinander entfernt waren. Reichen diese derzeit gültigen Richtwerte aus, um mein Risiko zu berechnen?
  • Mein Handy muss da sein, wo ich bin, sonst kann die App nicht richtig funktionieren. Es bringt wenig, wenn ich es im Auto liegen lasse, während ich den Wocheneinkauf mache, denn die Corona-App nutzt die Distanz zwischen zwei Bluetooth-Signalen, um mein persönliches Risiko für eine mögliche Infektion zu ermitteln.
  • Melden Leute, die positiv auf das Corona-Virus getestet wurden, ihre Erkrankung wirklich in der App?
  • Wiegen sich andere in falscher Sicherheit, weil die App sie nicht vor einer möglichen Ansteckung gewarnt hat?
  • Und was mache ich, wenn mir ein erhöhtes Risiko angezeigt wird?

Will ich das dann wirklich wissen? Ja, denke ich. Um mich und andere zu schützen und das Virus nicht weiterzutragen.

Spielen mit der Angst

Apropos Angst. Die nutzen unterdessen manche, die strikt gegen die App sind oder das ganze Getue rund um das Corona-Virus überzogen finden. Auch ich bekomme über die sozialen Medien einen Kettenbrief, der mich als App-Nutzer auffordert, den Absender aus meiner Kontaktliste zu löschen. Warum? Weil die Corona-App angeblich Kontaktdetails ausliest. Bisher gibt es dafür allerdings keinen Beleg.

Jonas erzählt mir von einer Facebook-Gruppe in der „viele Aluhutträger die Corona-Warn-App für eine ganz schlimme, böse App halten, die uns kontrollieren will.“ Einige behaupten, dass man ohne Nachweis, nicht infiziert zu sein, nicht mehr in irgendwelche Läden reinkomme. Er nutzt die Gruppe als stiller Mitleser zur Unterhaltung. Dabei hat er das Gefühl, Gegenstimmen gebe es dort kaum und die Mitglieder seien nicht an einer sachlichen Diskussion interessiert.

Ein Baustein von vielen

Für mich ist klar, dass ich mich nicht in erster Linie auf die Corona-App verlasse. Ich bin immer noch relativ wenig unterwegs, denn ich kann seit Wochen im Homeoffice arbeiten, muss also nicht mit Bus und Bahn pendeln. Ich fahre häufiger mit dem Fahrrad von A nach B, treffe mich in kleinen Gruppen mit Freunden, seit das wieder erlaubt ist – und zwar möglichst draußen.

Das RKI und viele Experten basteln mit Hilfe des Feedbacks weiter an der App, lese ich: Bisher ist die Corona-Warn App für Deutschland geeignet, steht aber in immer mehr App-Stores weiterer Länder zur Verfügung. Außerdem wird sie in verschiedene Sprachen übersetzt, türkisch und englisch gibt es schon. Auch Labore vernetzen sich immer häufiger mit der App, sodass positiv getestete Personen ihr Ergebnis direkt mobil einsehen können.

Es geht also weiter. Ebenso wie es für mich weiter heißt Händewaschen, Abstand halten und eine Mund-Nasen-Maske tragen, denn die App ist nur ein Baustein von vielen, der helfen kann, das Virus einzudämmen. Ich kann und möchte ihr nicht die Verantwortung für meine Gesundheit und die meiner Mitmenschen übertragen.