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Fünf Gründe, warum Rituale gerade jetzt wichtig sind

Der Morgenkreis in der Kita, das gemeinsame Mittagessen mit den Kollegen, der Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt. Alles Rituale und Gewohnheiten, die wir in Zeiten von Corona und Social Distancing schmerzlich vermissen. Warum ist das so?

1. Rituale geben Sicherheit

Jede Kultur, jede Gemeinschaft, also auch Familien, Paare und Freunde haben ihre eigenen Rituale. Gemeint sind damit Handlungen, die immer gleich ablaufen – zu gleichen Zeiten, an gleichen Orten, mit den gleichen Requisiten, unter gleichen Bedingungen. Im Gegensatz zu Gewohnheiten folgen sie dabei einem übergeordneten Sinn.

Der lustige Spruch vor dem Mittagessen in der Kita ist nicht nur routinemäßige Höflichkeit, sondern er trennt die Spiel- von der Essenszeit und gliedert für die Kinder den Tag in Vor- und Nachmittag. Rituale strukturieren so den komplexen Alltag. Sind Strukturen nicht mehr gegeben oder erkennbar, fühlen wir uns unsicher. Kein Wunder, dass der fehlende Kaffee am Morgen einem den ganzen Tag verderben kann. Und ohne Weihnachtsmarkt und Glühwein will in diesem Jahr bei vielen auch keine rechte Weihnachtsstimmung aufkommen.

2. Rituale fördern Selbstständigkeit

Besonders kleine Kinder lieben Gewohnheiten. Vor dem Schlafengehen muss Mama oder Papa oft wochenlang dieselbe Geschichte immer und immer wieder vorlesen. Der Tag in der Kita beginnt regelmäßig mit drei Abschiedsküsschen und Winken am Zaun. Wehe, wenn Mama dann nicht noch einmal zurückblickt und ein viertes Küsschen gibt. Und zum Geburtstag gibt es traditionell Maulwurfkuchen – natürlich mit Kerzen! Vom Adventskalender ganz zu schweigen.

Durch Rituale wird für kleine Kinder Zeit erfahrbar. Der Tag gliedert sich in Morgen, Mittag, Abend und Nacht. Die Wochentage unterscheiden sich durch bestimmte Aktivitäten oder einen festgelegten Speiseplan. Auch das Jahr wird durch die Vorfreude auf Feste wie Geburtstag, Ostern oder Weihnachten in kleinere, überschaubare Zeiteinheiten gegliedert.

Immer wiederkehrende, standardisierte Abläufe sind vorhersehbar. Kleine Kinder können sich dadurch leichter einbringen. Sie wissen beispielsweise, wenn der Gong in der Kita ertönt, gibt es gleich Mittagessen und alle helfen dann, den Tisch zu decken. Im sicheren ritualisierten Raum trainieren sie bestimmte Abläufe und Tätigkeiten. Die so erworbenen Fähigkeiten stärken ihr Selbstbewusstsein und machen ihnen Mut, Neues auszuprobieren. Rituale helfen Kindern übrigens auch, sich in Krisensituationen angemessen und aktiv zu verhalten.

3. Rituale erleichtern Übergänge

In der Kita werden die pädagogischen Phasen durch kleine Alltagsrituale getrennt. Das Begrüßungslied im Morgenkreis, das Signal zum Aufräumen am Ende der Spielzeit, der lustige Spruch vor dem Essen – all das signalisiert: Hier ist etwas zu Ende – jetzt beginnt eine neue Phase. Aber nicht nur Kitakinder meistern so den Alltag. Auch größere Kinder und Erwachsene kennen die kleinen Gewohnheiten, die ihnen Übergänge erleichtern. Nach dem Job, erst einmal gemütlich eine Tasse Tee trinken oder vor dem Schlafengehen ein paar Seiten lesen.

Rituale: Paar zusammen in der Küche, sie trinkt einen Tee.
Rituale: Mutter uns Sohn sitzen zusammen auf der Couch, Die Mutter liest ein Buch vor.
Bilder: wdv | Jan Lauer
Rituale: Familie spielt Mikado

Rituale erleichtern aber auch den Umgang mit den großen Schnittstellen des Lebens: Für das Ankommen und Abschiednehmen, zum Beispiel bei Geburt, Erwachsenwerden, Hochzeit und Tod hat jede Kultur spezielle Bräuche. Sie helfen dabei, sich auch in ungewohnten, hoch emotionalen Situationen zurechtzufinden. Sie nehmen Angst und geben Halt.

4. Rituale stärken das Wir-Gefühl

Jede Kultur, jede gesellschaftliche Schicht, jede Familie, jede Clique und jedes Team hat eigene Riten. Sie geben ein Gefühl der Zusammengehörigkeit – egal, ob es der Insider-Witz oder eine spezielle Begrüßung ist. Wie wichtig sie sind, bemerkt auch der, der sich nicht an sie hält. Ganz schnell wird er zum Außenseiter. Die Gruppe reagiert erstaunt, gekränkt oder empört, wenn zum Beispiel jemand beim Verabschieden nicht „Auf Wiedersehen“ sagt oder in Knallrot zur Beerdigung erscheint.

Rituale bestimmen die Kommunikation und das soziale Miteinander. Wenn etwas Bestimmtes passiert, dann muss in einer festgelegten Weise darauf reagiert werden. Reagiert der andere nicht so wie erwartet, kann das natürlich daran liegen, dass er den Ritus nicht kennt. Doch die meisten Menschen denken automatisch, dass der andere mit der Nichteinhaltung seine Missachtung ausdrücken möchte. Missverständnisse sind so programmiert.

5. Rituale fördern die Gesundheit

Durch Rituale läuft eine Art Autopilot im Hintergrund ab. Das erleichtert nicht nur den Alltag, sondern baut auch Stress ab und schafft kleine Auszeiten.

  • Mit Morgenritualen kannst du entspannt und fokussiert in den Tag starten. Also lieber etwas früher aufstehen, um Zeit für das ganz persönliche Wach-werde-Programm zu haben. Was das sein kann? Das ist individuell verschieden und typabhängig. Wie wär’s mit einer Atemübung? Oder einfach fünf Minuten lang strecken und räkeln? Oder stell dich vor den Spiegel, lächele dich an und sage laut: „Ich bin toll! Ich freue mich auf den Tag!“ Vielleicht möchtest du aber auch einfach nur in Ruhe die ersten drei Seiten der Tageszeitung lesen.
  • Pausenrituale helfen dabei, den Kopf frei zu bekommen. Durchpowern ist auf Dauer ineffektiv! Deshalb solltest du spätestens nach 90 Minuten eine kurze Pause einlegen. Wie wär’s mit einer kleinen Atemübung? Dem berühmten Gang in die Küche, um Kaffee zu holen? Oder je 30 Sekunden das linke und das rechte Ohrläppchen massieren? Danach arbeitet sich deine To-do-Liste gleich viel schneller ab.
  • Abendrituale helfen dabei runterzukommen und den Tag noch einmal Revue passieren zu lassen. Wie wär’s mal mit einem Glückstagebuch? Einfach drei Dinge aufschreiben, die heute gut gelaufen sind. Oder bei einer Tasse Tee den kommenden Tag skizzieren und dabei bewusst schöne Auszeiten planen.

Psychische Gesundheit von Kindern

Was außer Ritualen für die seelische Gesundheit von Kindern noch wichtig ist, erfahren Eltern unter kindergesundheit-info.de, einem Angebot der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA).

Weihnachtsrituale in Corona-Zeiten

Halten wir fest: Rituale erleichtern das Leben – aber nur, wenn sie individuell passen und nicht sinnentleert sind. Mitunter bedeutet das dann, auf Gewohntes zu verzichten. Eine Weihnachtsgans für die Familie, die seit einem Jahr vegetarisch essen? Wohl kaum!

Apropos Weihnachten: Manchmal muss man sich auch von liebgewonnenen Gewohnheiten verabschieden, weil die äußeren Umstände es verlangen. So wie in diesem Jahr. Denn viele Weihnachtstraditionen wird es nicht oder nur eingeschränkt geben. Dass Weihnachten 2020 ganz anders ist, muss aber nicht unbedingt negativ sein. Schließlich fällt auch eine Menge Stress weg. Experten raten dazu, die Gelegenheit zu nutzen und bestehende Traditionen kritisch zu hinterfragen. Setzt euch mit euren Lieben hin und überlegt, was euch an Weihnachten wirklich wichtig ist. Das schafft Raum für neue, schöne Ideen und Familientraditionen.

Die andere Seite von Ritualen

Mit zunehmendem Alter werden Rituale übrigens immer wichtiger. Um nicht in Gewohnheiten zu erstarren, raten Psychologen bei Alltagsroutinen immer wieder etwas zu ändern. Und sei es nur, sich mal nicht mit dem Waschlappen in der rechten Hand das Gesicht abzuwischen, sondern mit der linken.

Problematisch werden Rituale, wenn sie zwanghaft eingehalten werden, egal was passiert. Dann ist der Mensch innerlich in einer Art Zwangsjacke. Das kann im schlimmsten Fall sogar zu Panikattacken führen. Extrem einengend ist auch „magisches Denken“ – nach dem Motto: „Wenn ich nicht morgens meinen Latte Macchiato trinke, kann ich nicht erfolgreich arbeiten.“

Definition

Rituale folgen bestimmten Gesetzmäßigkeiten.

  • Sie haben einen festen Ablauf.
  • Sie wiederholen sich in regelmäßigen Abständen.
  • Sie folgen bestimmten Regeln.
  • Sie sind geprägt von sich wiederholenden Verhaltensweisen..
  • Sie haben symbolischen Charakter.
  • Sie entspringen einem tieferen Sinn.