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Medienkonsum bei Kindern und Jugendlichen: Wie viel ist zu viel?

Corona-Zeit ist Handy-Zeit. Oder auch YouTube-, Netflix- und Gaming-Zeit – und das gefühlt 24 Stunden am Tag. Ratlos fragen sich viele Eltern, wie bekommen wir diesen Zeitgeist zurück in die Flasche und den Medienkonsum in den Griff?

Medienkonsum in Corona-Zeiten: So sieht’s aus

Vor Corona war das mit den digitalen Medien einfacher. Die Schule hat den Tag strukturiert und die Kinder zumindest bis in den frühen Nachmittag vom Smartphone ferngehalten. Das tägliche Zeitfenster zur digitalen Welt war auch dank Freunden und Freizeit einigermaßen übersichtlich. Trotzdem blieb immer noch genug Raum zum Daddeln, aber nicht unendlich viel. Familiären Zündstoff bot das Thema schon da – spätestens, wenn’s ums Abschalten ging.  

Durch Corona sind geregelte Tagesabläufe vorerst passé. Statt eines gemeinsamen Frühstücks hüpfen Lego-Superhelden durch die Küche, die Fußball-EM 2020 wird im Kinderzimmer ausgetragen und Tiktoker blockieren das Bad. Zwischen Homeoffice, Homeschooling und all den anderen Themen, die die Corona-Krise so mit sich bringt, auch noch die Medienerziehung voll im Blick behalten? Schwierig!

Schulzeit, Freizeit, Bildschirmzeit

Corona hat in vielen Familien bisher geltende Medienregeln außer Kraft gesetzt. Kinder erleben, dass ihre Eltern ständig am Computer oder Telefon hängen. Damit ist deren viel gepriesene Vorbildfunktion dahin. Nicht besser sieht es mit den Bildschirmzeiten der Kids aus, die die Medieninitiative SCHAU HIN! normalerweise als Orientierung empfiehlt:

  • Kinder unter 6 Jahren eine halbe Stunde am Tag.
  • Zwischen 6 und 9 Jahren bis zu einer Stunde.
  • Ab 10 Jahren wahlweise zehn Minuten pro Lebensjahr täglich oder ein Wochenkontingent von einer Stunde pro Lebensjahr.

Die Experten raten Eltern deshalb, neue Routinen zu entwickeln und zwischen Schul- und Lernzeiten sowie Entspannungszeiten zu unterscheiden. Dazu zählt auch das Fernsehen.

Klar, dass im Moment insgesamt mehr Bildschirmzeit zusammenkommt. Was unter dem Eindruck von Corona auch völlig okay ist. Denn strenggenommen fallen ja auch Shoppen im Netz, Tanzen vor dem Fernseher (Bewegung!) und der Videochat mit den Großeltern unter Bildschirmzeit.

Andere Zeiten, trotzdem Regeln

  • Bildschirmzeit planen: Wenn klar ist, dass die Online-Zeit am Vormittag nur für Schulaufgaben reserviert ist oder bestimmte Aufgaben einfach erledigt sein müssen, bevor es ans Daddeln geht, sorgt das vielleicht erstmal für Ärger – auf Dauer wird der Alltag aber entspannter.
  • Auf Inhalte einigen: Besprecht, welche Programme, Spiele und Apps genutzt werden dürfen und welche nicht. Wenn ihr eine gemeinsame Entscheidung trefft, fällt es den Kindern leichter, sich an die Vereinbarungen zu halten.
  • Im Gespräch bleiben: Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser – zumindest bei Pubertierenden. Das heißt nicht, den Nachwuchs in der digitalen Welt allein zu lassen. Vielmehr bedeutet es, als Ansprechpartner da zu sein, wenn den Jugendlichen etwas komisch vorkommt.

Medienkonsum geht auch kreativ

Wichtiger als starre Zeitlimits ist aktuell also, womit sich die Kinder und Jugendlichen beschäftigen. Und da ist erstaunlich viel kreatives Potenzial vorhanden: Tanz-Challenges per Zoom, witzige Videos auf TikTok, Turnen und Backen nach Online-Tutorial, Stop-Motion-Filme für die Insta-Story … Stumpfe Berieselung sieht anders aus.

In der Vorstellung vieler Eltern kommen die positiven Seiten der virtuellen Welt oft viel zu kurz. Es tut gut, den Blick darauf zu lenken und mehr Zutrauen in die Fähigkeiten des Nachwuchses zu haben. Das entbindet Eltern zwar nicht von der Verantwortung, ein Auge darauf zu werfen, was ihre Kinder in der digitalen Welt tun, aber statt Kontrolle wird das Im-Gespräch-Bleiben wichtiger, je älter sie werden. Gerade in der Pubertät suchen viele Jugendliche elternfreie Räume, wo sie sich mit Freunden treffen können. Und wo finden sie diese in Zeiten der Pandemie? Eben!

Medienkonsum: Teenager auf dem Sportplatz schaut in sein Smartphone.
Medienkonsum: Teenager mit Ball auf einem Sportplatz.
Bilder: wdv | Oana Szekely
Medienkosum: Drei Teenager mit Ball stehen im Kreis.

Offline – das kommt wieder

Digitale Medien sind ein Teil der Kindheit – ob es uns Eltern passt oder nicht: Im Alter von zehn Jahren haben rund zwei Drittel aller Kinder hierzulande ein eigenes Smartphone, mit zwölf Jahren nahezu jedes Kind. Und damit auch einen Zugang zum Internet. Laut der Bitkom-Studie 2019 ist „Videos schauen“ dort mit Abstand die beliebteste Online-Beschäftigung. Und sich über WhatsApp auszutauschen, machen schon fast 80 Prozent der 10- bis 11-Jährigen – auch wenn sie das strenggenommen noch gar nicht dürfen. Trotzdem: Freunde treffen und draußen spielen steht bei Kindern immer noch höher im Kurs, als sich in der virtuellen Welt zu tummeln. Und wenn das nach Corona endlich wieder möglich ist (mit oder ohne Abstand), entspannt sich auch die Situation zu Hause.

Hilfe für mediengestresste Eltern

  • Geht es um Medienerziehung, sind Eltern bei SCHAU HIN! Was dein Kind mit Medien macht an der richtigen Adresse. Die Initiative bietet ein umfangreiches Orientierungsspektrum zu Kindersicherheit im Netz, pädagogisch wertvollen Inhalten, Apps, Gaming & Computer, Streamingdiensten, Cybermobbing etc.
  • Die Initiative „Gutes Aufwachsen mit Medienbietet Eltern ebenfalls ein umfangreiches Informationsspektrum rund um einen verantwortungsvollen Umgang mit Medien.
  • Die Bloggerin, Autorin und Mutter Patricia Cammarata hat im vergangenen Jahr mit SCHAU HIN! die Podcast-Reihe „30 Minuten über Kinder und digitale Medien“ gemacht. Sie greift dabei unaufgeregt und alltagsnah die Bedenken von Eltern auf. Gibt’s auch als Buch: Dreißig Minuten, dann ist aber Schluss! Mit Kindern tiefenentspannt durch den Mediendschungel, Eichborn-Verlag.
  • Die Medienerziehung läuft völlig aus dem Ruder? Bei der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung finden gestresste Eltern Hilfe.